Samstag, 11. November 2017
Sprache(n)
Ich werde immer wieder gefragt, wie denn meine Italienischkenntnisse sind. Ich bin in dieser Phase des Sprachenlernens, in der man sich zwar verständigen kann aber beim Sprechen immer noch über Grammatik und „Wie heißt das nochmal?“ nachdenkt. Ich stammle mehr, als dass ich spreche, es sei denn ich habe den Satz schon einmal gesagt, bzw. ein ähnliches Gespräch bereits geführt.
Was Grammatik und Vokabeln angeht ist Italienisch dem Spanischen sehr ähnlich, was beim Hören sehr hilft, beim Sprechen aber schnell verwirrend wird.
In den beiden Italienischstunden, die ich hier hatte ist mir besonders aufgefallen, wie großartig das menschliche Gehirn im Umgang mit Sprache ist. Die beiden Stunden wurden auf Englisch gehalten, was mich nicht weiter gestört hat. Spannend wurde es aber, als ich angefangen habe, die Parallelen zwischen italienischer und spanischer Grammatik zuziehen. Das habe ich nämlich auf Deutsch gemacht, weil ich ja Spanisch in Deutschland gelernt habe. Ich habe also auf Deutsch Verbindungen zwischen Italienisch und Spanisch hergestellt, während mir die grammatikalischen Grundlagen auf Englisch erklärt wurden. Danach war ich erschöpft aber euphorisch, weil ich nie gedacht hätte, dass mir eines Tages vier Sprachen gleichzeitig durch den Kopf fliegen würden ohne, dass ich restlos verwirrt werde.

Tatsächlich bin ich hier aber deutlich mehr mit der englischen Sprache beschäftigt, als mit allen anderen. Ich unterrichte Englisch und führe die meisten meiner Gespräche mit meinen Kollegen in dieser Sprache.
Das hat dazu geführt, dass ich in der ersten Deutschstunde, die ich gegeben habe, oft überlegen musste, ob das jetzt zusammen oder auseinandergeschrieben wird (im Englischen meistens auseinander!), ob da ein Apostroph hinkommt (im Deutschen wahrscheinlich nicht) oder wie eigentlich das deutsche Wort für volunteering ist (ehrenamtlich arbeiten!).
Aber wir haben auch viel Spaß im Deutschunterricht. Als es um die unterschiedliche Aussprache des „ch“s ging, habe ich mir etwas einfallen lassen. „CH“ klingt nämlich wie eine wütende Katze. Also habe ich gesagt, „Bach“ ist mit einer großen wütenden Katze und „ich“ mit einer kleinen wütenden Katze. Und so haben wir dagesessen und gelernt, welche Vokale vor einer großen und welche vor einer kleinen Katze kommen. Wir haben demnach eine halbe Stunde über Katzen gesprochen, was bestimmt alle verwundert hätte, die an unserer Tür vorbeigelaufen sind, wenn sie Deutsch verstehen würden.

Aber nun zum eigentlichen, zum Italienischen. Ich merke, wie ich mehr und mehr verstehe und abspeichere. Trotzdem muss ich manchmal einen Moment nachdenken, weil mir eine Formulierung die ich höre sehr seltsam vorkommt. Wenn ich beispielsweise darauf warte, dass meine Schüler von ihren Eltern abgeholt werden schauen diese oft raus auf den Flur und erzählen mir dann „Die Mama gibt es nicht.“, um mir mitzuteilen, dass ihre Mama noch nicht da ist. Eine andere Sache, die mir irritiert ist, dass (vor allem die kleinen Kinder) nicht „Ich muss auf die Toilette.“ sagen, sondern „Das Pipi verlässt mich.“ Wenn man sie fragt, dann können sie aber noch fünf Minuten bis zur Pause warten.
Trotzdem gab es schon drei Momente in denen mir gesagt wurde, dass ich ja eigentlich Italienisch sprechen würde:
1. Als meine Chefin gehört hat, wie ich stammelnd versuchte habe, ihrem Mann (der kein Wort Englisch spricht) etwas zu erklären.
2. Als einer meiner Schüler, um mein Italienisch zu testen sehr schnell etwas fragte und ich einfach nur auf die drei Wörter reagiert habe, die ich verstanden habe. Anscheinend war es eine angemessene Reaktion auf die Frage gewesen, da alle im Raum sehr beeindruckt aussahen.
3. Als ich heute mit einer Freundin im Supermarkt an den reduzierten Büchern stand und ihr den Klappentext von einem von ihnen zum größten Teil übersetzen konnte.
Trotzdem finde ich nicht, dass ich die Sprache spreche. Ich bin immer noch so unsicher und unzufrieden damit, wie unfassbar wenig ich weiß, dass ich mich gar nicht richtig über meine Fortschritte freuen kann. Aber „piano piano“, wie meine Chefin immer sagt. Langsam, langsam.

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